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Claus-Peter Hutter zu Wohnungsbau und Ökologie
18.06.2004


"Wir bauen heute noch wie in der Steinzeit"

Interview mit Claus-Peter Hutter. Er ist hauptberuflich Leiter der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg beim Ministerium für Umwelt und Verkehr. Der Autor vieler Bücher und Reportagen für Zeitschriften und Zeitungen ist außerdem Präsident der Stiftung Europäisches Naturerbe (EURONATUR) und Lehrbeauftragter an der Universität Hohenheim für Umweltmanagement.




Im Internetauftritt der Akademie wird Friedrich Schiller zitiert mit dem Satz "Der gebildete Mensch macht sich die Natur zu seinem Freund". Sind wir heutzutage nicht mehr gebildet?

Hutter: Man könnte es fast meinen, wenn man sieht, wie wir mit der Natur umgehen. Zum Beispiel die Tatsache, dass der Landverbrauch wieder angestiegen ist. Wir haben in Baden-Württemberg täglich einen Flächenverbrauch von 13 Hektar. Und in den anderen Bundesländern sieht es nicht besser aus. Damit gehen wir Hypotheken für die kommenden Generationen ein, die meiner Meinung nach unverantwortlich sind. Schauen Sie sich nur mal die Region Stuttgart an oder auch das Rhein-Main-Gebiet. Da sind so viele Gewerbealtlasten zu sehen, da könnte man in vielen Gegenden ohne weitere Dekoration Krimis drehen.

Das Landeswohnungsbauprogramm ist seit September erschöpft. Ob das Energiesparprogramm der Stadt Stuttgart in 2004 weiterläuft, wird erst die Haushaltsberatung jetzt im Dezember zeigen. Sehen Sie ein Defizit an staatlicher, landes- und kommunalpolitischer Förderung in Bezug auf ökologische Fragen?

Hutter: Nein, da sehe ich kein Defizit, weil in den vergangenen Jahren sehr viel in diesem Bereich unterstützt wurde. Wir müssen die Menschen dazu bringen, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Wenn heute jemand in seinem Haus Energie spart, dann kommt das langfristig seinem eigenen Geldbeutel, seiner eigenen Umwelt und am Ende seinem eigenen Dasein zu Gute. Es kann nicht sein, dass Umweltschutz immer nur dann stattfindet, wenn die öffentliche Hand dies regelt. Das ist meine ganz persönliche Meinung. Selbstverständlich ist es wichtig, dass die öffentliche Hand weiterhin fortschrittliche ökologische Maßnahmen fördert. Doch es müssen auch andere Formen angedacht werden. Wir müssen meines Erachtens das Planungsrecht ändern, damit beispielsweise die Kommunen planungsrechtlich mit den Gewerbe- und Industriealtlasten besser zu Rande kommen. Damit dort eine Neubesiedelung entstehen kann. Dann muss man nicht auf die grüne Wiese ausweichen. So könnte man, ohne dass es viel Kapital erfordert, ordnungspolitisch einiges bewegen.

Niedrigenergiehäuser sind Standard, doch Passivhäuser tun sich am Markt schwer. Für junge Familien ist doch die Frage nach der Refinanzierung maßgeblich.

Hutter: Die Bevölkerung erwartet, dass sich Investitionen sehr schnell lohnen. Doch das sollten wir beim Thema Umweltschutz nicht allein so sehen. Andererseits sehen wir, dass sich Investitionen in Niedrigenergiehäuser oder in Passivhäuser sehr schnell positiv bemerkbar machen. Außerdem tun wir etwas für unsere Nachkommen, also die Erben dieser Häuser. Bei der zu erwartenden rückläufigen Bevölkerungszahl kann die Investition in den Umweltschutz den zukünftigen Marktwert bestimmen.

Finden Sie beim Thema Siedlungsökologie offene Türen bei Kommunen und in der Wohnungswirtschaft vor?

Hutter: Ich erlebe viel Offenheit und Interesse bezüglich dieses Themas. Was mir persönlich fehlt, ist die zu geringe Umsetzung im Einzelnen. Ich behaupte, dass die ganzen Potenziale der Siedlungsökologie - und das hat nicht nur etwas mit Niedrigenergiehäusern, Solartechnik, Wasserrückhaltung und anderen technischen Dingen zu tun, sondern mit Lebens- und Umweltqualität - noch nicht ausgeschöpft sind. Ich sage ganz provokant: Wir bauen heute noch wie in der Steinzeit und so sehen auch viele Siedlungen aus. Aber ich kann auch positive Beispiele für Siedlungsentwicklungen nennen, zum Beispiel "Arkadien" in Asperg oder in Steinheim im Kreis Ludwigsburg, wo im Dialog zwischen Wohnungswirtschaft, Bauunternehmen, Kommunen, Wissenschaftlern, Baupsychologen und Landschaftsarchitekten unter Einbeziehung der späteren Eigentümer ein Konzept entstanden ist, das schon jetzt Mehrwert hat. Wo es Wasserläufe gibt, wo es fast das ganze Jahr über blüht, wo öffentliche Plätze angelegt wurden, die kinderfreundlich sind. Diese Konzepte bringen mehr als diese Normkisten, die irgendwo hingebaut werden.

Junge Familien wollen vielleicht ökologische Aspekte im Wohnungsbau realisieren, können es sich aber nicht leisten.

Hutter: Bleiben wir bei den genannten Beispielen. Diese Häuser und Wohnungen sind durchaus konkurrenzfähig. Ein großer See, der gerade angelegt wird und das Wohnviertel nicht nur optisch, sondern auch in Bezug auf die Lebensqualität aufwertet, für den wird später die Stadt die Unterhaltung übernehmen. Man muss einfach mehr nachdenken, wie man im Zusammenspiel zwischen Eigentümern, Wohnungsbauunternehmen und Kommunen neue Formen finden kann. Tatsache ist natürlich auch, da muss ich Ihnen Recht geben, dass heute umweltschonendes Bauen sehr viel kostet. Die Menschen wollen alles haben, aber nichts dafür bezahlen. Ähnlich wie bei den Lebensmitteln. Jeder möchte möglichst ökologische, biologische Produkte, aber es soll nicht mehr kosten als die Massenware im Supermarkt.

Wie bewerten Sie die Neubaugebiete in den Ballungszentren unter Mobilitäts- und Nachhaltigkeitsgesichtspunkten?

Hutter: Insgesamt müssten wir wieder eine stärkere Vernetzung von Wohnen und Arbeiten haben. Die neuen Informationstechniken unterstützen dies. Immer mehr Leute können von zuhause aus vernetzt arbeiten und entlasten damit die Verkehrsströme. Stuttgart steht zum Beispiel verkehrstechnisch kurz vor dem Kollaps. Neue Straßen werden meines Erachtens - von Ausnahmen abgesehen - nicht die Lösung bringen, denn neue Straßen produzieren auch mehr Verkehr. Eine Chance ist der öffentliche Nahverkehr, der aber noch attraktiver gestaltet werden müsste.

Flächenpools und Ökokonten sind Themen, für die Sie sich einsetzen. Welche Erfolge haben Sie damit im Hinblick auf die Bauplanung?

Hutter: Ökokonten bringen den Kommunen mehr Flexibilität, weil sie frühzeitig in die Natur investieren können, um es später angerechnet zu bekommen. Noch haben sich nicht alle Gemeinden in diese Richtung bewegt. Das hängt sehr stark von der Kooperationsbereitschaft der Städte und Gemeinden mit den jeweiligen Landratsämtern ab. Ein Baugebiet ist immer ein Eingriff und nur teilweise ausgleichbar. Wir müssen vom Landverbrauch wegkommen, weg vom Bauen auf der grünen Wiese, das wäre das beste Ökokonto. Eines ist klar: unser Planet ist nicht aufblasbar.

Die Kommunen stehen untereinander in starker Konkurrenz bei Gewerbe- wie bei Wohngebieten. Es geht ums Geld, insbesondere um Steuereinnahmen.

Hutter: Ich beobachte mit großer Sorge, dass vor allem im ländlichen Raum und in Ballungsrandgebieten attraktive Flächen angeboten werden, um Einwohner zu gewinnen. Der Kampf um die Einwohner hat schon begonnen. So manches Gewerbegebiet, das heute im ländlichen Raum geplant wird, wird wahrscheinlich nicht voll werden. Es werden hohe Investitionen getätigt, die auch unter ökonomischer Betrachtung keine hohe Rendite bringen, aber hohe Altlasten. Dies insbesondere im Hinblick darauf, dass die Bevölkerung abnehmen wird. Mir tun die Bürgermeister und die Stadt- und Gemeinderäte Leid, die dem großen Druck ausgesetzt sind, ihre notwendigen Kommunalfinanzen zusammen zu bekommen. Ich halte die Abkoppelung von der Gewerbesteuer für wichtig. Die Gemeindefinanzen müssten in vielen Bereichen anders geregelt werden, damit der Druck auf die Landschaft entfällt.

Müssen wir uns den Traum vom Eigenheim abschminken?

Hutter: Nein, ich bin selber Eigenheimbesitzer und habe ein altes Haus umgebaut und modernisiert. Jeder, der um die wirtschaftliche Lage weiß, wird die Investition in eine Immobilie nicht bereuen. Meines Erachtens ist es die beste Altersvorsorge, wenn man Wohneigentum erwirbt.

Wie wichtig ist für Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit angesichts des wachsenden Wettbewerbs?

Hutter: Die Unternehmen sind die eigentlichen Schrittmacher in Sachen Nachhaltigkeit, weil sie die Chancen begreifen. Wer heute nach dem EU-Standard EMAS II arbeitet, also freiwillig ein Umweltmanagement-System einführt, macht ein Ökoaudit und wird von der EU zertifiziert. Daran beteiligen sich immer mehr private und öffentliche Dienstleistungsunternehmen, ebenso Kommunen. Unternehmen stellen fest, dass sie damit auch sparen können. Durch diese Kostenersparnisse und Wettbewerbsvorteile werden sie langfristig auf dem Weltmarkt besser bestehen. Denn früher oder später werden diese Maßnahmen auch in Osteuropa zum Standard.

Welche Rolle spielen die Kreditgeber, also die Banken und Sparkassen in Bezug auf eine ökologische Unternehmensausrichtung?

Hutter: Die Banken können sehr viel tun. Auch im eigenen Bereich, wenn sie selbst in ihren Gebäuden ein Umweltmanagement-System einführen. Noch stärker müssten sie darauf ausgerichtet sein, Nachhaltigkeit zu überprüfen und einzufordern. Schwierig ist die Frage, ob eine private Bank eine staatliche Ordnungspolitik ersetzen kann oder muss. Wie die Bank die Kreditwürdigkeit eines Kreditnehmers überprüft, so sollte sie auch überprüfen, was mit den Geldern passiert. Eine Bank kann nicht daran interessiert sein, dass ein Kreditnehmer für den gewerblichen Bereich baut und hinterher Altlasten entstehen.

Die Akademie für Natur- und Umweltschutz spricht auch stark die Entscheidungsträger von morgen, also die Kinder an. Ist die heutige Erwachsenengeneration für ökologische Themen verloren?

Hutter: Im Vergleich zu anderen Akademien haben wir darin einen unserer Schwerpunkte gelegt. Weil wir feststellen, dass Kinder, aber auch Erwachsene zu wenig Wissen über die Natur haben. Kinder wie auch Erwachsene können heute kaum mehr Wildtiere oder Wildpflanzen bestimmen. Aber Automarken, Spritverbrauch und Höchstgeschwindigkeit sind bekannt. Wir müssen die Wissenserosion stoppen. Denn Wissenserosion ist Kulturverlust. Das kommt uns irgendwann teuer zu stehen.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Sind Sie mit Ihrer privaten Wohnsituation aus ökologischer Sicht zufrieden?

Hutter: Ja! Ich habe schon vor über zwanzig Jahren vieles beachtet, wie Wärmedämmung, die Verwendung von viel Holz und die Gestaltung eines naturnahen, erlebnisreichen Gartens.

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