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Wohnung 21: Anschluss erwünscht |
Teil 1: Bauen für das neue Jahrtausend
Teil 2: Energiewende im Haus
Wohnung 21: Anschluss erwünscht
Täglich strömen über 190.000 Pendler aus den Nachbarkreisen und Regionen in die Landeshauptstadt Stuttgart, um hier ihrem Beruf nachzugehen. Sie nehmen zeitraubende Staus während der Rushhour und kilometerlange Entfernungen zwischen Wohnort und Arbeitsstätte in Kauf, um "im Grünen" zu wohnen. Während die Einwohnerzahl der Landeshauptstadt Stuttgart bereits seit 20 Jahren kontinuierlich sinkt und heute bei etwa 587.200 Einwohnern liegt, haben die Gemeinden im Umland einen deutlichen Bevölkerungszuwachs verzeichnet. Die verkehrstechnisch gute Anbindung macht es möglich. Mobilität gehört heute zum Alltag. Zu einem Alltag, der in der bildungsgeprägten Wissensgesellschaft vom Wunsch nach Karriere, Selbstverwirklichung und Lebensqualität geprägt ist. "Die Arbeit wird immer intensiver und konzentrierter, zeitlich länger und psychisch belastender, dafür aber auch - aus der Sicht der Unternehmen - immer produktiver und effektiver", diagnostiziert der Trendforscher Dr. Horst W. Opaschowski. Gleichzeitig rückt in der Wellness-Kultur die Balance von Körper, Geist und Seele in das Zentrum des Diskurses, wie Matthias Horx, Gründer des Zukunftsinstituts Trend-Büro in Hamburg, feststellt. "Das klare räumliche und zeitliche Gegenüber von Arbeit und Freizeit wird mehr und mehr verschwinden", bringt Prof. Walter Siebel, Fachbereichsleiter Soziologie an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg, beide Trends auf einen Punkt. Der Arbeitsplatz beziehungsweise das Büro in der Wohnung ist nicht mehr nur für Selbstständige und Teleworker eine Selbstverständlichkeit. Die Wohnung dient sowohl als Arbeits- als auch als individueller Rückzugsort und Ruhepol und muss daher groß, multimedial vernetzt, barrierefrei und flexibel gestaltbar sein.
Die gesellschaftliche Entwicklung hat die typische Wohnungsaufteilung Kinderzimmer, Wohnzimmer, Esszimmer und Elternschlafzimmer überholt. Haushalt ist nicht mehr gleichbedeutend mit Familie. Eine steigende Anzahl an Single, Alleinerziehender und kinderloser Paare sowie Kombi- oder Patchworkfamilien aus wiederverheirateten Geschiedenen mit Kindern definiert die Wohnungsnutzung und -aufteilung neu. Die Gesellschaft ist pluralistischer als je zuvor und besteht aus einer Fülle zeitgleich nebeneinander existierender Lebensformen und Lebensstile. Zukunftsforscher Matthias Horx sagt voraus: "Das Zeitalter der standardisierten Massenprodukte neigt sich dem Ende zu, das individuelle Massenprodukt' entsteht." Der Gesellschaftswandel beeinflusst auch den Wohnungsmarkt.
Sonderwohnformen wie "Betreutes Wohnen", Studentenwohnheime aber auch Lofts, große multifunktionale Wohnungen in ehemaligen Industrie- und Nutzbauten, erfreuen sich an wachsendem Interesse. "Back to the routs" lautet die Orientierung der Mehrgenerationenhäuser. Diese Häuser bieten, was in Familien nur noch selten stattfindet: das Zusammenleben dreier oder mehr Generationen unter einem Dach. Mehrgenerationenhäuser haben jedoch gegenüber bisherigen Modellen den Vorteil, dass sowohl Alt wie Jung die Wohnungstür hinter sich schließen kann, wenn die "Adoptivfamilie" die Nerven angreift. Soziale Anbindung ohne feste Verbindung oder Verpflichtung lautet das Maxim. Vereine und Organisationen spüren diesen Trend schon seit einiger Zeit. Immer weniger Mitglieder wollen sich an feste Termine binden. Konsumangebote im Umfeld von TV und Multimedia sowie Hobby und Sport machen ihnen Konkurrenz. Fitnesscenter, Wellnessfarmen, Erlebnis-Shopping-Center und das vielseitige Unterhaltungsangebot zuhause sind gefragt. Heute sieht jeder Deutsche durchschnittlich über drei Stunden am Tag Fernsehsendungen an.
Unterhaltungs- und Kommunikationsmedien wie Kabelfernsehen, Internet, Telefon und Faxgerät sind aus modernen Wohnungen heute nicht mehr wegzudenken. Die Technisierung wird weiter zunehmen. Das Zauberwort der Haustechnikhersteller, die sich auf der Cebit 2001 in Hannover präsentierten, hieß "intelligentes Heim". Hinter diesem Begriff verbirgt sich ein komplett vernetztes Haus, in dem alle Hausgeräte und die Haustechnik zentral steuerbar, abfragbar und nutzbar gemacht sind. Ob die Vernetzung per Funk- oder Kabeltechnik realisiert wird und welche Funktionalitäten sinnvoll und auf die Bedürfnisse und Wünsche der Bewohner zugeschnitten sind, steht noch offen. Trotz aller technischer Spielerei ist jedoch unbestritten, dass die Vernetzung kommen wird. Denn Annehmlichkeit und Zeitersparnis zählen bereits heute bei den Wohnungsnutzern ebenso stark wie die Entscheidungsfaktoren Individualität und Wohlbefinden. Wohlstand und Zeitnotstand machen Kunden bereit, private Reinigungs-, Sicherheits- und Lieferdienste in Anspruch zu nehmen.
Durch massive Liberalisierungen des Staates erhalten auch alle Versorgungs- und Entsorgungsleistungen rund um die Haushalte zunehmend individuellen Charakter. Strom-, Wasser-, Telefon-, Fernseh- und Postleistungen werden bereits heute durch private Anbieter geliefert oder stehen kurz vor der Öffnung für den freien Wettbewerb. Auch die Müll- und Abwasserentsorgung sind als Dienstleistungen in privater Hand denkbar. Aus dem reinen Nutzer wird ein Entscheider, denn er hat die Möglichkeit, aus einem Angebot individuell wählen zu können.
"Selbst-Entwicklung wird das zentrale Thema der Kultur", prognostiziert der Trendforscher Matthias Horx, nicht nur für die beiden ersten Lebensphasen. Die Werte haben sich auch hier vom Jugendkult hin zur Oldie-Power verschoben. Insbesondere die "Neuen Alten" definieren das "Dritte Lebensalter" als Selbstentdeckungsalter und zelebrieren Jugendlichkeit auch im fortgeschrittenen Alter. Unabhängigkeit, Mobilität aber auch Genuss und Vergnügen lauten ihre Maximen. Selbstständigkeit wahren sie sich auch beim Wohnen. Aus dem selbstgebauten, gekauften oder seit Jahren gemieteten Wohnraum ziehen sie nur selten aus. Sie genießen Großzügigkeit und Überfluss des Lebensraumes. Service-Wohnen lautet nur eines der vielen Angebote, mit denen die Wirtschaft auf die finanzstarke Altersgruppe reagiert.
Da sich die Alterspyramide im Laufe der nächsten hundert Jahre umkehren wird, die Bevölkerungszahl in Deutschland aller Voraussicht nach also zurückgeht, wird sich der Wohnungsmarkt noch stärker zu einem Kundenmarkt entwickeln. Digitalisierung des Lebensraums und individuelle Wohnwünsche werden weiter zunehmen. Zu den bestimmenden Merkmalen werden Qualität, Größe und Wohnwert des Wohnraums avancieren.
Informationsadressen:
UNCHS (Habitat) www.unchs.org
Stadtsanierungsamt Tübingen www.tuebingen.de
Congress for the New Urbanism www.cnu.org
Zum Weiterlesen:
Dominique Gauzin-Müller: Behnisch und Partner. 50 Jahre Architektur; Ernst & Sohn, Berlin 1997
Vittorio Magnago Lampugnani: Hatje Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts; Verlag Gerd Hatje, Stuttgart 1998
Angelika Schnell: Junge deutsche Architekten 2; Birkhäuser Verlag, Basel 2000
ZEIT Punkte Nr. 6/99: Bauen für das 21. Jahrhundert; Hrsg. Theo Sommer und Redaktion der Zeit
Quellen:
iwd, Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft, Februar 2000.
Statistisches Landesamt Baden-Württemberg
Dr. Horst Opaschowski: "Deutschland 2010 - Wie wir morgen arbeiten und leben". Germa Press Verlag, Hamburg.
Matthias Horx: "Das Sphärensystem". Internetauftritt des Zukunftsinstitutes, 2001.
Armin Scharf: "Der Wecker heizt die Bettlaken vor". Aus: Wochenendbeilage der Stuttgarter Zeitung vom 24. März 2001, S. 52.
Prof. Walter Siebel: "Zukunft des Wohnens". Aus: Wohnen 2000, vdw Verband der Wohnungswirtschaft in Niedersachsen und Bremen e.V., S. 48 ff. |
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