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Selbstbewusst leben im Alter
Demographischer Wandel und Wohnungswirtschaft |
Teil 2: Lust auf Leben, Lust auf Wohnen
Vielfalt neuer Wohnformen für den dritten und vierten Lebensabschnitt
Teil 3: Qualität mit Brief und Siegel
Stadtsiedlung Heilbronn - so individuell wie das Leben
Teil 4: Betreutes Wohnen in Stuttgart-West
Teil 5: Alt und Jung unter einem Dach
Brückenschlag zwischen den Generationen
Teil 6: Ein Haus mit eigenem Charakter
Betreutes Wohnen mitten in Nürtingen
Selbstbewusst leben im Alter
Demographischer Wandel und Wohnungswirtschaft
Schon seit Jahren wird auf die gravierenden Folgen des demografischen Wandels für die weitere gesellschaftliche Entwicklung hingewiesen. Dabei konzentriert sich die öffentliche Diskussion im Wesentlichen auf die absehbaren Konsequenzen für das soziale Sicherungssystem. Weniger häufig wird darüber gesprochen, dass der zunehmende Anteil alter Menschen auch Auswirkungen auf die Gestaltung unserer baulichen Umwelt hat. Wenn schon heute über 20 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt sind und in 20 Jahren sogar 30 Prozent dieses Alter erreicht haben werden, dann müssen auch Wohnungs- und Städtebau stärker auf die Bedürfnisse dieser Altersgruppe eingehen als bisher. Dies ist um so wichtiger, als sich der beschriebene Trend auch langfristig weiter fortsetzen wird.
Nur selten wird in diesem Zusammenhang beachtet, dass sich im Gegenzug der Anteil jüngerer Menschen drastisch verringern wird, während die mittlere Generation im Alter von 40 - 65 Jahren relativ konstant vertreten bleibt (Tab. 1). Wir haben es also immer mehr mit einer "Erwachsenen-Gesellschaft" zu tun. Dies hat nicht nur grundlegende Veränderungen der sozialen Infrastruktur zur Folge, sondern wirkt sich auch auf die Nachfrage nach Wohnungen aus.
Tab. 1: Veränderung des Bevölkerungsaufbaus (in 1000)
Die traditionelle Orientierung des Wohnungsbaus an der jungen Familie mit zwei Kindern ist schon lange überholt. Der Anteil der 1- und 2-Personen-Haushalte wird weiter steigen. Neue Lebens- und Wohnformen spielen nicht mehr nur bei jungen Leuten ein Rolle, sondern werden in zunehmendem Maße auch von Älteren in Erwägung gezogen. Der bekannte Trend zu steigenden Wohnflächen pro Person betrifft nicht nur junge Leute, sondern auch alte Menschen. Die alte Gleichung "1-Personen-Haushalt = 1-Zimmer-Wohnung" hat deshalb schon heute keine Gültigkeit mehr. In Zukunft werden die Ansprüche weiter steigen. In den Niederlanden gilt mittlerweile die 3-Zimmer-Wohnung als Minimalstandard im Wohnungsbau - auch für alleinstehende alte Menschen. Dort sind bereits 4-Zimmer-Wohnungen in Wohnanlagen für alte Menschen keine Seltenheit mehr.
3 Prozent der Menschen im Alter von 65 - 80 Jahren und 17 Prozent der Hochaltrigen leben in besonderen Wohnformen für alte Menschen (Heim, Altenwohnung, Betreutes Wohnen). Tab. 2 zeigt, wie der Bedarf an solchen Sonderwohnformen in Zukunft steigen würde, wenn sich an der bisherigen Art, ältere Menschen mit Wohnraum zu versorgen, nichts ändern würde. Insgesamt gäbe es dann bis zum Jahr 2040 einen zusätzlichen Bedarf von über 500.000 Plätzen in Sonderwohnformen. Angesichts leerer öffentlicher Kassen wird es für unwahrscheinlich gehalten, dass der daraus resultierende Neubaubedarf an stationären Einrichtungen tatsächlich finanziert werden kann.
Tab. 2: Schätzung des Bedarfs bei gleichbleibendem Versorgungsgrad mit Sonderwohnformen (1)
Als Ausweg aus diesem Dilemma bot sich zunächst das Betreute Wohnen an, das für Menschen mit geringem und mittlerem Hilfebedarf eine sinnvolle Alternative zum Heim darstellt. Seit Mitte der 80er Jahre hat diese neue Wohnform für alte Menschen weite Verbreitung gefunden. Zunächst schien es, als würde hiermit dem Bedürfnis der älteren Generation nach Selbstbestimmtheit und Selbständigkeit auf der einen Seite sowie Versorgung und Sicherheit auf der anderen Seite in idealer Weise Rechnung getragen. Dem Betreuten Wohnen waren deshalb sehr gute Marktchancen prognostiziert worden. Viele Wohnungsunternehmen glaubten außerdem, dass sie mit dem Bau Betreuter Wohnanlagen die Nachfrage nach altengerechten Wohnungen ausreichend und zudem noch lukrativ decken könnten.
In der Zwischenzeit ist diesbezüglich eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Es hat sich gezeigt, dass keineswegs jede Anlage problemlos zu vermarkten ist und darüber hinaus die angebotene Kombination von Wohnraum und Dienstleistung immer häufiger kritisch hinterfragt wird. Hinzu kommt die Einsicht, dass es aus wohnungswirtschaftlicher Sicht nicht unbedingt sinnvoll ist, einen steigenden Anteil zuverlässiger Mieter in Sonderwohnformen abwandern zu lassen, wenn gleichzeitig Schwierigkeiten bestehen, die vorhandenen Wohnungen zu vermieten und sozial stabile Nachbarschaften zu erhalten. In zunehmendem Maß gibt es deshalb Bestrebungen, den vorhandenen Wohnungsbestand an die Bedürfnisse älterer Menschen anzupassen und ihnen damit einen längeren Verbleib in der angestammten Wohnung zu ermöglichen. Dieses Vorgehen entspricht auch den Wohnwünschen der älteren Menschen am besten, denn die meisten von ihnen möchten im Alter nicht mehr umziehen, sondern so lange wie möglich in der vorhandenen Wohnung und im vertrauten sozialen Umfeld wohnen bleiben.
Allerdings reicht es nicht aus, den Wohnungsbestand technisch nachzurüsten, sondern es müssen den älteren Menschen auch begleitende Dienstleistungen verfügbar gemacht werden. Dabei stellt die Versorgung mit Pflegeleistungen in der eigenen Wohnung aufgrund eines mittlerweile gut ausgebauten Netzes ambulanter Pflegedienste kaum ein Problem dar. Mangel herrscht hingegen an kostengünstigen Diensten im vorpflegerischen Bereich. Haushaltshilfen, Beratungs-, Vermittlungs-, Begleit- und Besuchsdienste fehlen, sind zu wenig bekannt oder können nicht bezahlt werden.
Einige Wohnungsunternehmen haben ihre Unternehmenspolitik inzwischen stark auf den zukünftigen Markt der älter werdenden Mieter ausgerichtet. Slogans wie "Sicher wohnen ein Leben lang" oder "Geborgenheit für Generationen" sind Ausdruck dieser Orientierung. Diese Unternehmen haben begonnen, ihren Wohnungsbestand systematisch altengerecht nachzurüsten und auch Dienstleistungen anzubieten oder zu organisieren.
Ebenso beginnen die Unternehmen mehr und mehr, sich auch gegenüber gemeinschaftlichen Wohnformen im Alter zu öffnen. Zu nennen sind hier die selbstorganisierten gemeinschaftlichen Wohnprojekte und die Pflegewohngruppen im Quartier. Beide Wohnformen stellen ebenso wie das Betreute Wohnen eine sinnvolle Alternative zum Heim dar. Im ersten Fall organisieren rüstige Menschen höheren Alters ihr gemeinschaftliches Leben selbst, im zweiten Fall werden hilfe- und pflegebedürftige Menschen von einer sozialen Organisation in einer gemeinsamen Wohnung in einem normalen Wohnhaus bis an ihr Lebensende versorgt und unterstützt.
Im Folgenden sollen die einzelnen Bausteine dieser Neuorientierung der Wohnungsunternehmen im Hinblick auf die steigende Zahl älterer Menschen im einzelnen erläutert werden.
Wohnungsanpassung
Zwei Arten der Wohnungsanpassung lassen sich unterscheiden:
die individuelle Anpassung, die immer dann stattfindet, wenn ein einzelner Mensch in einer konkreten Situation eine Veränderung seiner Wohnung benötigt,
die strukturelle Anpassung, bei der ein Unternehmen systematisch versucht, seinen Wohnungsbestand langfristig (z.B. im Zuge ohnehin anstehender Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen) für ein lebenslanges Wohnen seiner Mieter tauglich zu machen.
Beide Arten der Wohnungsanpassung sollten parallel in Angriff genommen werden, weil es zum einen sinnvoll ist, das Wohnungsangebot langfristig besser auf die steigende Zahl älterer Menschen abzustimmen, zum anderen aber auch kurzfristige Veränderungsbedarfe bei einzelnen Mietern befriedigt werden müssen. Hinzu kommt, dass bei der strukturellen Anpassung sinnvoller weise nur solche Maßnahmen durchgeführt werden, die von grundlegender technischer Bedeutung für das lebenslange Wohnen in der eigenen Wohnung sind. Dabei handelt es sich vor allem um
die Beseitigung von Stufen und Schwellen,
die Verbreiterung der Badezimmertür,
die Schaffung von Möglichkeiten zur Installation einer bodengleichen Dusche,
die bessere Erreichbarkeit von Bedienelementen auch im Sitzen.
Bei allen übrigen Maßnahmen (z.B. das Anbringen von Haltegriffen) ist es zweckmäßiger, sie erst im individuellen Bedarfsfall auszuführen, weil sie auf die jeweilige Situation des einzelnen Mieters abgestimmt werden müssen.
Die individuelle Wohnungsanpassung ist nur erfolgreich, wenn sie von einer qualifizierten Wohnberatung begleitet wird. Diese hat die Aufgabe, die alten Menschen über die Möglichkeiten der Wohnungsanpassung aufzuklären, gemeinsam mit ihnen die individuell richtige und auch psychologisch akzeptierte Lösung zu finden, die alten Menschen bei der organisatorischen und finanziellen Abwicklung der Maßnahme zu unterstützen und ggf. die Ausführung durch Handwerker zu überwachen. In einigen Städten und Landkreisen Baden-Württembergs gibt es bereits Beratungsstellen zur Wohnungsanpassung, die für solche Zwecke genutzt werden können. Auskunft darüber erteilt der Landeswohlfahrtsverband Württemberg-Hohenzollern, der auch Beratung zu allen Fragen der Wohnungsanpassung anbietet. (2)
Soziale Dienste
Viele ältere Menschen und ihre Angehörigen sind nicht ausreichend über das vorhandene Angebot an ambulanten Pflegediensten und hauswirtschaftlichen Hilfen informiert und mit den erforderlichen Antragstellungen zu finanziellen Unterstützung bei der Inanspruchnahme solcher Dienste überfordert. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, von Seiten des Wohnungsunternehmens eine Vermittlung sozialer Dienste anzubieten. Dies kann entweder durch eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter des Unternehmens erfolgen, die/der für diese Aufgabe zusätzlich qualifiziert wird. Alternativ bietet sich auch eine Kooperation mit einem Wohlfahrtsverband oder einem anderen Dienstleistungsträger an, der regelmäßige Sprechstunden für die Mieterinnen und Mieter abhält. Viele Unternehmen ziehen anfangs die Zusammenarbeit mit einem sozialen Dienstleiter dem Einsatz eigenen Personals vor, weil sie die Übernahme zusätzlicher Aufgabenfelder in die Wohnungsverwaltung vermeiden möchten. Insbesondere in kleinen Gemeinden mit wenig Auswahl bei den verfügbaren Dienstleistern kann ein solches Vorgehen auch sinnvoll sein. In größeren Gemeinden mit zahlreichen konkurrierenden Anbietern ist es aber sinnvoller, die Vermittlung der Dienstleistungen durch eine neutrale Person vornehmen zu lassen, die kein Interesse am Verkauf ihrer eigenen Dienstleistungen hat.
Ein besonderes Problem bei der Vermittlung sozialer Dienste liegt in den hohen Kosten für hauswirtschaftliche Hilfen, die nicht von Kranken- oder Pflegekassen finanziert werden. Für viele ältere Mieter sind Stundensätze von 12 Euro und mehr bei professionellen Dienstleistern zu teuer. Aus diesem Grund werden hauswirtschaftliche Hilfen insbesondere bei der Wohnungsreinigung sehr häufig auf dem Schwarzmarkt erbracht. Eine Vermittlung solcher Schwarzmarkt-Leistungen kommt für ein Wohnungsunternehmen aber nicht in Betracht. Als Ausweg aus diesem Dilemma haben einige innovative Unternehmen alternative Wege der Organisation häuslicher Hilfen entwickelt.
Organisation von Hilfen auf Basis geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse
Um häusliche Hilfen kostengünstig anbieten zu können, werden vorwiegend aus dem Kreis der Mieter/innen ehrenamtliche Helfer geworben, die für einen geringen Stundensatz Hilfen in der Nachbarschaft erbringen. Die Stundensätze liegen zwischen 3 und 8 Euro, je nach Art der Dienstleistung. Begleit- und Besuchsdienste werden in der Regel billiger angeboten als Putzdienste, weil einerseits die Bereitschaft, Geld für diese Dienste auszugeben, geringer ausfällt, andererseits aber gerade bei alleinstehenden älteren Menschen Begleit- und Besuchsdienste von besonderer Bedeutung für die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte sind.
Gründung eines Nachbarschafshilfevereins
Wenn die Organisation der sozialen Dienstleistungen aus dem Unternehmen ausgegliedert wird und hierfür ein Nachbarschaftshilfeverein gegründet wird, ergeben sich Vorteile für die Finanzierung und Organisation der Dienstleistungen. Insbesondere Genossenschaften, die an die Solidarität und Selbstverantwortung ihrer Mitglieder appellieren können, haben gute Chancen, ihre sozialen Dienstleistungen auf diese Weise zu organisieren. In diesem Fall erhalten die Mitglieder eines Nachbarschaftshilfevereins gegen einen geringen monatlichen Mitgliedsbeitrag von z.B. 2 oder 3 Euro die Möglichkeit, kostenlose Beratungs- und Vermittlungsleistungen in Anspruch zu nehmen und an geselligen Veranstaltungen des Vereins teilzunehmen. Vorteil dieser Konstruktion ist, dass der/die Berater/in zumindest teilweise aus den Mitgliedsbeiträgen finanziert werden kann. Außerdem kann der Verein den Status der Gemeinnützigkeit erhalten und auf dieser Grundlage auch Spenden und öffentliche Zuschüsse einwerben. Diese können wiederum zur Finanzierung der Dienstleistungen herangezogen werden. Ein weiterer Vorteil liegt in der Möglichkeit, als Dienststelle für Zivildienstleistende anerkannt zu werden. Damit werden die Möglichkeiten, kostengünstige Dienstleistungen anzubieten, weiter verbessert.
Dezentrales Betreutes Wohnen (Betreutes Wohnen zuhause)
Ein ähnlich umfassendes Serviceangebot wie ein Nachbarschaftshilfeverein bietet auch das sog. "Dezentrale Betreute Wohnen" - allerdings für einen kleineren Personenkreis und zu höheren Kosten für die Betroffenen. In diesem Fall werden - wie in betreuten Wohnanlagen - individuelle Betreuungsverträge zwischen einem sozialen Dienstleister und einzelnen Mieter/innen im normalen Wohnungsbestand abgeschlossen. Der monatliche Beitrag für die Grundpauschale beläuft sich auf 50 - 100 Euro. Dafür werden den Mieter/innen - analog zum Betreuten Wohnen - im allgemeinen eine kostenfreie Beratung, die Teilnahme an geselligen Veranstaltungen des Dienstleisters sowie begrenzte Hilfen bei Behördenangelegenheiten und im Krankheitsfall geboten. Weitergehende Dienste müssen als Wahlleistungen zusätzlich nach Aufwand bezahlt werden. Vorteil dieses Modells ist, dass dem Wohnungsunternehmen keinerlei Kosten entstehen. Nachteilig wirken sich dagegen die relativ hohen Kosten für die einzelnen Mieter/innen aus. Erfahrungsgemäß machen nur wenig Mieter/innen von einem solchen Angebot Gebrauch, so dass die Versorgung der Menschen mit geringem Einkommen bei diesem Modell weiterhin ungeklärt bleibt.
Selbstorganisiertes gemeinschaftliches Wohnen
Als sich in den 70er Jahren die Idee der Wohngemeinschaft vor allem in Studentenkreisen rasant ausbreitete, gab es auch die ersten Initiativen älterer Menschen, sich in gemeinschaftlichen Wohnprojekten zusammenzutun. Das gemeinschaftliche Wohnen sollte ältere Menschen sowohl vor der Fremdbestimmung im Heim als auch vor der Vereinsamung in der eigenen Wohnung bewahren. Heute wird die Zahl der realisierten Projekte in Deutschland auf ca. 100 geschätzt, in denen ca. 1000 ältere Menschen leben. Im Vergleich zu den Niederlanden, deren Bevölkerungszahl nur ein Fünftel derjenigen Deutschlands beträgt und die mehr als 300 vergleichbare Wohnprojekte mit mehr als 5000 älteren Menschen vorweisen können (3), muss die Zahl der bisher in Deutschland realisierten Projekte als äußerst klein bezeichnet werden. Neben vielen anderen Faktoren ist auch die größere Bereitschaft der niederländischen Wohnungswirtschaft, solche Projekte zu realisieren, mitverantwortlich für diesen Unterschied.
Wie in Deutschland stand die Wohnungswirtschaft in den Niederlanden der neuen Wohnform anfangs sehr skeptisch gegenüber, hat aber bald auch ihre Vorteile erkannt (4). Die Skepsis bezieht sich vor allem auf zwei Faktoren:
Die Gruppen werden als relativ unzuverlässige Partner angesehen, weil damit zu rechnen ist, dass sich die Gruppenzusammensetzung während der Planungsphase verändert und evtl. Interessenten sogar noch in letzter Minute abspringen.
Die von den Gruppen eingeforderte Mitbestimmung bei der Bauplanung vergrößert den Arbeitsaufwand der Planer/innen und kompliziert den gesamten Planungsprozess.
Als Vorteile wurden erkannt:
Die sichere Vermarktung der Wohnungen, denn die Bewohner/Innen sorgen in der Regel selbst für ihre Nachmieter. Die Fluktuation ist gering.
Die hohe Identifikation der Bewohner/-innen mit dem Gesamtprojekt, die zu einem pfleglichen Umgang mit der Bausubstanz und dem Wohnumfeld führt.
Der geringere Verwaltungsaufwand, weil die Bewohner/-innen einen Teil der Verwaltungsarbeit selbst übernehmen und auch Konflikte untereinander selbst regeln.
Die positive Ausstrahlung in das umgebende Wohnquartier, weil Wohngemeinschaften älterer Menschen häufig ihre nachbarschaftlichen Aktivitäten auf das Wohngebiet ausweiten.
Nach Aussagen der niederländischen Unternehmen wiegen die Vorteile in der Nutzungsphase der Gebäude den höheren Planungsaufwand in der Entstehungsphase ökonomisch auf.
Ein wichtiger Grund für die Bereitschaft der niederländischen Wohnungsunternehmen, sich dieser neuen Wohnform für ältere Menschen zu öffnen, war auch die Herausbildung eines baulichen Standards für Gruppenwohnprojekte, der sich kaum vom normalen Wohnungsbau unterscheidet. Die Häuser werden immer häufiger so gebaut, dass sie jederzeit in normale Mehrfamilienhäuser zurückverwandelt werden können, d.h.:
Jeder Haushalt/Bewohner erhält eine vollständige 2- oder 3-Zimmer-Wohnung.
Die Gemeinschaftsräume werden so weit wie möglich auf der Grundfläche einer Wohnung errichtet und sind damit zu einer weiteren Wohnung rückbaubar.
Hinsichtlich der räumlichen Anforderungen des gemeinschaftlichen Wohnens älterer Menschen lässt sich in Deutschland ein ähnlicher Trend beobachten. Auch hier legen die Gruppenmitglieder immer mehr Wert auf eine gesicherte Privatheit in einer abgeschlossenen Wohnung mit vollständig ausgerüsteter individueller Küche und eigenem Bad. Der Gemeinschaftsraum wird nicht mehr - wie in studentischen Wohngemeinschaften und einigen Projekten aus der Anfangsphase des gemeinschaftlichen Wohnens älterer Menschen - als große Wohnküche mit dem Anspruch des gemeinsamen Kochens und Essens geplant, sondern dient jetzt stärker dem relativ unverbindlichen geselligen Beisammensein.
Als typisches Beispiel dieses Trends zur stärkeren Normalität des Gemeinschaftlichen Wohnens im Alter kann das Projekt der Niedersächsischen Landesentwicklungsgesellschaft auf dem Kronsberg in Hannover angesehen werden. Hier wurden im Zuge der Expo-Nachnutzung zwei nebeneinander liegende 8-Familienhäuser, die als ganz normale Wohnhäuser konzipiert waren, durch nachträgliche barrierefreie Anpassungsmaßnahmen und Umwandlung einer Erdgeschosswohnung in Räumlichkeiten für gemeinschaftliche Aktivitäten zu einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt umfunktioniert. Das Modell ist so erfolgreich, dass sich mittlerweile einige Interessenten, die keine Wohnung mehr im eigentlichen Wohnprojekt erhalten konnten, in den umliegenden Häusern eingemietet haben.
Pflegewohngruppen im Quartier
Parallel zur Entwicklung des selbstorganisierten gemeinschaftlichen Wohnens, das vor allem eine Wohnform für rüstige Rentner ist, hat sich eine andere Form des gemeinschaftlichen Wohnens für ältere Menschen herausgebildet, die bei hohem Unterstützungs- und Pflegebedarf eine echte Alternative zum Heim darstellt. 4 - 8 ältere Menschen leben zusammen in einer Wohnung und erhalten dort die erforderlichen Hilfestellungen durch einen ambulanten Pflegedienst. Der Vorteile gegenüber dem Heim besteht darin, dass die älteren Menschen ihr Leben weiterhin so selbstständig und selbstbestimmt wie möglich organisieren können und nur an solchen Stellen Hilfe erhalten, wo diese auch tatsächlich erforderlich ist. Darüber hinaus können durch gegenseitige Hilfestellungen nach dem Prinzip "der Blinde hilft dem Lahmen" professionelle Dienstleistungen reduziert und einer Vereinsamung entgegengewirkt werden. Als besonders vorteilhaft hat sich diese Wohnform für die Versorgung für Menschen mit Demenz erwiesen. Diese fühlen sich in kleinen, überschaubaren Gruppen deutlich wohler als in unübersichtlichen Heimstrukturen.
Als Wohnungen für solche ambulant betreuten Wohngruppen werden zumeist große Altbauwohnungen oder zusammengelegte 2- bis 3-Zimmmer-Wohnungen (5) genutzt, die barrierefrei nachgerüstet werden. Jeder Bewohner verfügt über ein eigenes Zimmer; zur gemeinschaftlichen Nutzung stehen eine geräumige Wohnküche und ein angrenzender gemütlicher Sitzbereich zur Verfügung. Wichtig ist auch die ebenerdige Erreichbarkeit einer großen Terrasse, damit mobilitätseingeschränkte Bewohner selbständig ins Freie gelangen können.
Die Bewohner/-innen schließen - wie im Betreuten Wohnen - normale Mietverträge mit den Wohnungseigentümern ab und zusätzliche Betreuungsverträge mit den Betreuungsträgern. Die pflegerischen Leistungen werden individuell mit den Pflegediensten abgerechnet.
Im Gegensatz zum selbstorganisierten gemeinschaftlichen Wohnen hat sich die Wohnform der Betreuten Wohngruppe in den letzten Jahren rapide ausgebreitet. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass diese Wohnform bei ähnlichen Kosten eine ungleich höhere Betreuungs- und Lebensqualität bietet als das Heim.
Schlussbemerkung
Es mag dem einen oder anderen aufgefallen sein, dass dem Betreuten Wohnen in diesem Beitrag kein gesondertes Kapitel gewidmet worden ist. Mein Eindruck ist, dass in Baden-Württemberg für diese Wohnform keine zusätzliche Werbung mehr gemacht werden muss. Wichtiger scheint mir zur Zeit, den Blick auch auf andere Wohnmöglichkeiten für ältere Menschen zu richten, da erst in der Gesamtheit aller vorgestellten Maßnahmen ein sinnvolles Angebot für unterschiedliche Lebenslagen und Wohnbedürfnisse entstehen kann.
Den Artikel schrieb:
Renate Narten, Dr.-Ing. M.A.
Büro für sozialräumliche Forschung und Beratung, Hannover
Dr. Narten studierte Soziologie, Politische Wissenschaften und Stadtplanung an der Universität Hannover. 1979 - 1985 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Hochschulforschung, 1985 - 1996 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Fachbereich Architektur der Universität Hannover, Fachgebiet "Architektursoziologie". Seit 1996 selbständige Forschungs- und Beratungstätigkeit mit dem Arbeitsschwerpunkt "Wohnen im Alter".
(1) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Zweiter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1998, S. 95
(2) Lindenspürstraße 39, 70176 Stuttgart, Tel: 0711 / 63 75 283, Fax: 0711 / 63 75 132,
e.mail: Christiane.Keuter@lwv-wh.de
(3) R. Narten, S. Tischer: Räume für gemeinschaftliche Wohnprojekte älterer Menschen - Erfahrungen aus den Niederlanden, KDA, Köln 2001
(4) vgl. K. Sack: Kooperation zwischen Wohngruppen und Wohnungsunternehmen. in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Gemeinschaftliches Wohnen. Workshop am 23./24.11.2000 in Hannover. Dokumentation des Bundesmodellprogramms "Selbstbestimmt Wohnen im Alter" Nr. 8., Bonn 2001
(5) R. Narten, A. Fuhrig: Wohnungen für betreute Wohngruppen alter Menschen. Nutzungsanalysen und Planungshinweise. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Dokumentationen zum Bundesmodellprogramm "Selbstbestimmt Wohnen im Alter", Band 3. Berlin 2000.
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