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vbw-Verbandstag thematisiert Herausforderungen des ländlichen Raums

Mit dem Thema „Wohnen in die Fläche tagen“ traf der Verbandstag 2018 des vbw auf sichtbar großes Interesse. Knapp 300 geladene Teilnehmer fanden sich im Rosengarten Congress Centrum in Mannheim ein, um über den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Stadt und Land und über die Situation des ländlichen Raumes im Besonderen zu diskutieren. In fünf Vorträgen und einer Podiumsrunde wurde über die Herausforderungen durch Binnenwanderung, Demografie, Infrastruktur und Mobilität gesprochen.

 „Starke und attraktive Kommunen und Gemeinden und eine gute Wohnungsversorgung bedingen einander“, begann Peter Bresinski, Verbandsvorsitzender des vbw, seine Begrüßung bei der öffentlichen Veranstaltung des vbw. Die Städte und Ballungszentren allein können  den Wohnungsbedarf, der in Baden-Württemberg herrscht, nicht  decken. Dazu brauche es einen starken ländlichen Raum und die verstärkte regionale und überregionale Zusammenarbeit der Städte und Gemeinden – insbesondere bei der Flächenausweisung.

Bresinski wies auch auf die zunehmenden Verteilungskämpfe hin, die auf gesellschaftlicher und politischer Ebene geführt werden. Der Wohnungsbau konkurriere mit Privatinteressen bei Neubauvorhaben, aber auch mit dem Erhalt von Frischluftschneisen, Grüngürteln und Baumbeständen. “Wohnungsbauprojekte werden unter diesen Prämissen immer komplizierter und schwieriger, sie dauern länger und werden teurer. Die Stadtgesellschaft muss sich fragen lassen, welche Prioritäten sie setzen will. Geht es wirklich um Lebens- und Wohnqualität für alle?“, stellte er die Frage in den Raum. 

Konversion als Chance 

Dr. Peter Kurz, Oberbürgermeister der Stadt Mannheim, beleuchtete  die kontroversen Diskussionen rund um den Mietspiegel, die in der Industriestadt Mannheim derzeit geführt werden. „Es ist wichtig, dass die Mietpreisentwicklung weiterhin eine soziale Mischung in der Stadt ermöglicht. Reines Profitdenken darf nicht bestimmend sein. Das Gemeinwohl muss weiterhin in der Politik debattiert und gelebt werden“, sagte er. In der Region bestünde ein  konstruktiver Wohnbau-Dialog, bei dem es um das Wohnen für alle Teile der Gesellschaft ginge. Mannheim habe aber eine Sonderstellung, da die Stadt über viele Konversionsflächen verfüge. Auf den ehemals militärisch genutzten Geländen entwickle die Stadt in einem offenen Bürgerbeteiligungsprozess Stadtquartiere mit einer funktionalen Mischung, entsprechend dem Modell der europäischen Stadt. 

Einmalige Wirtschafts- und Sozialstrukturen

Minister Peter Hauk, Ministerium für den Ländlichen Raum, knüpfte an: „Wohnen im ländlichen Raum ist immer ein Gewinn. Dieser Überzeugung bin ich nicht nur, weil ich selbst im ländlichen Raum wohne, sondern weil 30 bis 40 Prozent der Einwohner von Baden-Württemberg dies ebenfalls wollen“. Gewachsen aufgrund der historischen Verhältnisse haben viele mittelständische Weltmarktführer ihren Sitz im ländlichen Raum. „Mit dieser dezentralen Entwicklung und einer dynamischen Wirtschaft haben wir in Baden-Württemberg eine einzigartige, unvergleichliche Stellung in Deutschland und Europa“, so der Minister. Diese gelte es zu bewahren und weiter zu entwickeln. Das werde nicht im Gegeneinander, sondern nur im Zusammenwirken von Metropolregionen, Kommunen, Gemeinden und den ländlichen Regionen funktionieren. „Die Probleme des ländlichen Raumes werden morgen die Probleme der Städte sein oder sind es schon, wie wir durch den anhaltenden Trend hin in die Stadt und damit  verbunden, an steigenden Miet- und Kaufpreisen für  Wohnraum bemerken“, sagte der Minister.

„Die zentrale Frage des ländlichen Raumes, ist die Frage der Mobilität. Sie muss vielfältig und mit zahlreichen Schnittstellen und Umstiegsmöglichkeiten gestaltet sein“, sagte Hauk. „Die Menschen müssen einfach und schnell vom Wohn- zum Arbeitsort und umgekehrt gelangen können. Wenn die Mobilitätsangebote gut sind, werden sie auch genutzt“, so der Minister. Der weitere Ausbau der Infrastruktur sei natürlich auch eine Frage der Finanzierung.

Hauk plädierte für die Grundsteuer C, um Bauland zu mobilisieren. Bis zum Jahr 2040 werde es nochmals zehn Prozent mehr Haushalte in Baden-Württemberg geben. Diese müssen mit Wohnraum versorgt werden. Das Förderprogramm Wohnungsbau BW 2018/2019 sei dafür   gut ausgestattet worden, es müsse aber auch in Anspruch genommen werden. Hier setze das Land auch auf die Wohnungswirtschaft. Er verwies außerdem auf das Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR), das den klaren Fokus auf das innerörtliche Wohnen legt. Rund 50 Prozent der Fördermittel konzentrierten sich auf zeitgemäßes Wohnen in den Innendörfern. „Das beinhaltet Sanierung, Abriss und Neubau“, sagte Hauk.

„Wir haben im ländlichen Raum noch Strukturen, die es wert sind, auf die Gesamtgesellschaft übertragen zu werden. Man kümmert sich umeinander, setzt sich für andere ein, ist in der Gemeinschaft stärker eingebunden. Dies mache sich unter anderem bei ehrenamtlichen Aufgaben, wie beispielsweise den Feuerwehren, bemerkbar. Das menschliche Zusammenleben funktioniert hier noch“, so Hauk. Das ist eine zentrale Motivation für Politiker, sich mit dem ländlichen Raum zu beschäftigen und seine weitere Entwicklung zu befördern.

Wohnen jenseits der Metropolen

„Stadt und Land können niemals ein Gegensatz sein. Es geht nur im Miteinander“, sagte Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V. Die Herausforderungen von Stadt und Land sind als Thema bei den Koalitionären in Berlin angekommen. Sie haben eine Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ ins Leben gerufen. Diese soll innerhalb eines Jahres konkrete Vorschläge erarbeiten, die sodann in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden sollen. In die Kommission werde der GdW seine Anregungen und Hinweise einbringen.

Die Polyzentralität in Deutschland, die starke Funktion der Kommunen und der Kommunalwirtschaft, gebe es kaum anderswo in Europa. „Wir sind nicht ausgerichtet auf die Metropole, sondern wir haben auch starke Klein- und Mittelstädte. Die Selbstorganisation vor Ort funktioniert“, so Gedaschko. „Die Wohnungswirtschaft muss mitdenken, sich einsetzen und ihren Anteil daran haben, dass die ländlichen Städte und Gemeinden attraktiv bleiben oder werden. Wir können uns als Branche nicht darauf verlassen, dass die Politik das schon richten wird. Wir müssen uns aktiv in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen – auch in Baden-Württemberg“, forderte er. Handlungsfelder seien die Attraktivität der Wohnung und des Wohnumfeldes, die digitale Infrastruktur, Mobilität, die Entwicklung der Arbeit, Bildung, Gesundheit, Versorgung, Kultur- und Sportangebote, Imagebelange der Stadt und Ankerpunkte im Stadtkern. Diese Aspekte seien zentral für die Attraktivität der Städte.

„Wie können wir bezahlbar bauen, wenn derzeit eine Überlastung der Architekten und Bauunternehmen besteht? Dieser Frage habe sich der GdW gestellt und sei auf einen neuen Partner zugegangen: Die Bauindustrie“, sagte Gedaschko. Der GdW hat einen europaweiten Wettbewerb zum seriellen, modularen Bauen ausgeschrieben, dessen Ergebnisse Mitte Mai verkündet werden. Alle Wohnungsunternehmen – insbesondere die kommunalen Unternehmen - könnten sich dann ohne  eigene Ausschreibung, direkt aus einem Katalog, Häuser heraussuchen und zum Festpreis für die nächsten fünf Jahre bestellen. „Das spart Zeiten und Kapazitäten und damit Geld. Wir hoffen damit einen Teilbeitrag für das künftige kostensparende Bauen leisten zu können“, sagte der GdW-Präsident.

Die Zukunft des ländlichen Raumes

Unter dem Titel ‚Heimat 4.0‘ präsentierte Dr. Daniel Dettling, Geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Zukunftspolitik, wie zum Beispiel die Digitalisierung zu einer Dezentralisierung des Lebens, Wohnens und Arbeitens führt. Arbeiten und Wohnen seien keine getrennten Lebenssphären mehr, sondern gehen ineinander über. „Die Grenzen zwischen Stadt und Land werden fließend und vermischen sich“, sagte er. Umso wichtiger werde die Frage werden, wie sich die Regionen definieren. Denn in attraktive Regionen werden die Menschen ziehen. „Mit dem Wort der Glokalisierung zeigen wir, dass sowohl das Globale als auch das Lokale in unserem Leben an Bedeutung gewinnt, aber auch immer mehr ineinander übergehen.

Der Wertewandel befeuere neue Formen der Solidarität und Subsidiarität. Galten in der Mitte des letzten Jahrhunderts Fleiß, Pflicht, Familie, Frömmigkeit, Treue und Nutzen als oberste Prinzipien, so seien es in der heutigen Globalkultur Werte wie Selbstentfaltung, Verantwortung, Vertrauen, Sicherheit, Glück und Optimismus. Die Sharing-Economy spiele eine zentrale Rolle im 21. Jahrhundert. Nicht das Eigentum, sondern der Zugang, die Teilnahmemöglichkeit  seien gefragt. „Wir nennen als  weiteren Trend das ‚Co-Prinzip‘. Es beinhaltet das Ziel, gemeinsam etwas zu erreichen“, sagte er. Unterstützung und Subsidiarität werden gelebt. Die Städte werden dadurch etwas dörflicher, die Dörfer urbaner. Heimat spiele wieder eine Rolle. „Heimat  ist aber eine Frage der Haltung und nicht der Herkunft. Beziehungen sind entscheidend“, so Dettling. „Heimat 4.0 versöhnt das Regionale mit dem Kosmopolitischen und die Tradition mit der Hypermoderne“, sagte der Zukunftsforscher. „Baden-Württemberg ist bereits in der Zukunft angekommen. Denn wer laut Ministerpräsident Winfried Kretschmann kein Zentrum hat, der hat auch keine Provinz“, schloss er.

Ländlicher Raum – Auslauf- oder Zukunftsmodell?

An der anschließenden Podiumsdiskussion nahmen neben den Referenten  Peter Hauk, Dr. Daniel Dettling und Axel Gedaschko auch Steffen Braun vom Fraunhofer IAO, Leiter Mobilität und Stadtsystemgestaltung, und Christoph Jäger, Bürgermeister der Gemeinde Großerlach, teil. Die Diskussion leitete Martina Meisenberg, ehemalige langjährige Moderatorin des SWR-Magazins Landesschau Baden-Württemberg. Debattiert wurde über  notwendige neue Formen der Mobilität, über  Vernetzungsleistungen, Schnittstellen und technologischen Entwicklungen, die schon bei der Planung von Neubaugebieten und Quartieren mitzubedenken seien , über die Infrastruktur und die Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum, über die Hemmnisse bei der notwendigen Flächenausweisung sowie die Verzahnung der Förderprogramme Entwicklung des Ländlichen Raumes ELR und Wohnungsbau BW 2018/2019.

„Das ELR ist ein hervorragendes Programm, das gut funktioniert. Die Kommunen werden allerdings durch ständig steigende Anforderungen bei der Nutzung des Programms herausgefordert. Hier braucht es Erleichterungen“, sagte Jäger. Minister Hauk betonte: „Die Landesregierung verfolgt das Ziel des Baus von preisgünstigen Wohnungen. Bei der Aufstockung oder dem modularen Bauen gibt es bereits sehr gute Lösungen mit Holz. Diese müssten stärker genutzt werden“.

„Die Menschen wollen beides: Die Lebensqualität des ländlichen Raumes und die Freiheit und den Stil der Metropolen und Ballungsgebiete. Aus der Provinz kann Urbanität erwachsen und aus der Metropole kann Provinz erwachsen. Das muss kein Gegensatz sein“, bemerkte Dr. Dettling. „Konnektivität bedingt eine Vernetzung, die auf der Ebene der Wohnung gegeben sein muss. Sie ist eine Chance für den ländlichen Raum, die genutzt und verstanden werden muss. Das Fraunhofer IAO arbeitet derzeit an Modellen des Dorfes 4.0 beziehungsweise des smart Village. Hier liegen große Potenziale“, sagte Braun. Von den rund 1.100 Kommunen in Baden-Württemberg seien 900 Kommunen  Auspendler-Kommunen. Das Konzept der Stadt der kurzen Wege könne unter diesem Aspekt eine Lösung bieten. Gedaschko forderte Ehrlichkeit. „2,5 Millionen Menschen sind in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen. Sie brauchen Wohnraum, den die Kommunen aufgrund langwieriger Prozesse im Neubau kaum schaffen können. Wir müssen uns der Realität stellen, dass nicht alle Menschen in den Städten wohnen können, auch wenn sie das wollten. Einig waren sich alle darin, dass der ländliche Raum – gerade beim Wohnen - eine hohe Attraktivität besitzt, die es weiter zu stärken gelte. Er sei keineswegs ein Auslaufmodell, sondern besitze große Zukunftspotenziale

Positive Signale aus den Ministerien

Verbandsdirektorin Sigrid Feßler berichtete von der erfolgreichen Arbeit in der Wohnraum-Allianz BW. Die Prognos-Studie zum Wohnraumbedarf in Baden-Württemberg habe klar gemacht, dass schon im Jahr 2015 eine Wohnungsbaulücke von 88.000 Wohnungen bestanden hat. Bis 2020 bedürfe es jährlich weiterer 54.000 Wohnungen. Diese Lücke gelte es zu schließen. „Viele Forderungen des vbw wurden in dem aktuellen Förderprogramm Wohnungsbau BW 2018/2019 umgesetzt, das eine deutliche Optimierung der bisherigen Programme darstellt“, sagte die Verbandsdirektorin. Nun müsse es mit der seit langem anstehenden Novellierung der Landesbauordnung vorangehen. Hier stehe die Politik in der Pflicht. „Wir arbeiten derzeit auch gemeinsam mit dem Umweltministerium an einem Pilotprojekt zum seriellen Sanieren, welches das Ministerium fördern wird. Außerdem wird das Sozialministerium, mit Unterstützung des vbw, ein separates Förderprogramm für den Wohnungsbau für ambulant betreute Wohngemeinschaften für Ältere und Bedürftige auflegen. Dies zeigt: Die Ministerien suchen die Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft. Das ist ein positives Signal“, so die Verbandsdirektorin.